Objekt des Monats

Démolition du Temple de Charenton

Objekt:
Démolition du Temple de Charenton
Künstler:
nach Sébastien Leclerc
Datierung:
18. Jahrhundert
Maße:
18 cm x 22 cm (Blatt)
15,1 cm x 19,6 cm (Platte)
Material:
Papier
Technik:
Radierung
Inventar-Nr.:
AFrD: Inv. Nr. 221

 

Einführung

Das Hauptbild zeigt die Zerstörung des Temple von Charenton. Ein Zierrahmen umfasst die Szene, die außerdem von der Allegorie des Glaubens (fides) und einer Titelkartusche umgeben wird. Nur kurze Zeit nachdem Ludwig XIV. am 17.10.1685 das Edikt von Fontainebleau proklamierte, wurde das Kirchengebäude in Charenton zerstört. Als Reaktion entstanden zahlreiche Darstellungen, die das Thema wiedergaben. Sébastien Leclerc brachte es 1702 als Teil der Serie « Les Petites conquêtes du Roi » heraus. Das hier gezeigte Blatt ist nicht signiert und nicht datiert, es handelt sich um eine nahezu identische und sehr gute Nachahmung des französischen Vorbilds.

Temple von Charenton

Das Edikt von Nantes (1598) erlaubte den Protestanten in Frankreich den Bau eigener Temples um dort ihren Glauben auszuüben. Allerdings war der Bau an Auflagen gebunden: Die Bauweise musste sich von der herkömmlichen katholischen Sakralarchitektur unterscheiden und war an den Ort gebunden, an dem schon zuvor der Glaube praktiziert wurde. Die Pariser Gemeinde ließ somit ihren Temple in Charenton errichten. Nachdem der erste Tempelbau einem Brand zum Opfer gefallen war, wurde durch die Pariser Gemeinde ein neuer, noch größerer Bau in Auftrag gegeben. Das von Salomon de Bosse 1623 fertiggestellte Bauwerk gilt auch nach seiner Zerstörung noch als einer der Hauptbauten der reformierten Gläubigen in Frankreich.

Mit dem Edikt von Fontainebleau wurde die Zerstörung aller reformierten Tempelbauten angeordnet. Zum Zeichen politischer Autorität wurde zuerst der Temple von Charenton auf königlichen Befehl hin niedergerissen. Die Darstellung gibt wirkungsmächtig den Akt der Zerstörung wieder:

Im rechten Vordergrund werden die Mauern des Gebäudes abgetragen, die Arbeiter gehen dabei mit Werkzeugen oder bloßen Händen ans Werk. Im Inneren werden die Fenster, die Emporen, und das Dach zerschlagen. Vier Männer ziehen an einem Seil, die daran gebundene Säule fällt in die Tiefe und mit ihr fallen Dach und Mauerwerk. Dies alles geschieht unter den Augen der königlichen Garden. Hierzu zählen wohl auch die beiden Gestalten am linken Bildrand , die beeindruckt über das Geschehen zu reden scheinen.

Das Bild als königliche Propaganda

Über der Darstellung thront die Allegorie des katholischen Glaubens mit Kelch, Kreuz und päpstlicher Tiara. Sie tritt mit ihren Füßen auf das schlangenartige Wesen der Häresie. Unter ihr wird, stellvertretend durch die Zerstörung des bedeutendsten Hugenottentempels, die den Protestanten auferlegt Strafe dargestellt und somit allen protestantischen Gemeinden der legitime Platz entzogen.
Das Bildmotiv ist somit als königliche Propaganda und als Sieg des „wahren Glaubens über die Häresie“ zu lesen.

 

Literatur:

Musée Marc Chagall: Le temple. Représentations de l'architecture sacrée, 1982
Deutsches Historisches Museum: Ausstellung Hugenotten, 2005
Fuhring, Peter: A kingdom of images, 2015